Ich bin einfach schlecht im Lernen.
Vielleicht kennst Du diese Gedanken:
“Ich war noch nie gut im Lernen.”
“Ich habe einfach kein gutes Gedächtnis.”
oder
“Früher fiel mir Lernen viel leichter.”
Vielleicht hast Du schon mehrere Anläufe gestartet. Für eine Weiterbildung gelernt. Einen Online-Kurs begonnen. Eine Prüfung vorbereitet.
Vielleicht bist Du mit besten Vorsätzen gestartet – aber letztlich lief es immer semi-optimal. Und irgendwann entstand daraus eine Überzeugung:
Ich bin einfach schlecht im Lernen.
Viele Erwachsene tragen diesen Gedanken mit sich herum.
Und genau deshalb möchte ich heute eine Frage stellen:
Nur weil Lernen bisher nicht gut funktioniert hat – liegt das wirklich an Dir?
Die kurze Antwort
Nein.
Schlechte Lernerfahrungen beweisen nicht, dass Du schlecht im Lernen bist.
Die meisten Erwachsenen können aus ihren bisherigen Lernerfahrungen nicht zuverlässig ableiten, ob sie generell gut oder schlecht lernen können.
Oft beurteilen sie ihre Lernfähigkeit anhand unangenehmer Erfahrungen, ungünstiger Lernstrategien oder einzelner Misserfolge.
Wenn Du also glaubst, schlecht im Lernen zu sein, bedeutet das noch lange nicht, dass es tatsächlich stimmt.
Die spannendere Frage lautet:
Warum glauben so viele Erwachsene trotzdem genau das?
Warum wir trotzdem glauben, schlecht im Lernen zu sein
Ich kenne diesen Gedanken selbst sehr gut.
Schon beim Abitur und im Studium war Lernen für mich eine Herausforderung – ich hatte immer die besten Vorsätze, aber die Umsetzung fiel mir schwer. Irgendwie bin ich nie richtig in den Flow gekommen, habe aufgeschoben und auf den letzten Drücker gelernt. Mittelmäßige Ergebnisse und Unzufriedenheit waren die Folge.
Und auch später, als ich mich nebenberuflich weitergebildet habe, habe ich mich oft überfordert gefühlt – nicht weil ich den Inhalt nicht verstanden habe. Aber neben Job & Familie zu Lernen und mir alles bis zur Prüfung zu merken, funktionierte bei mir nicht wirklich gut.
Mit der Zeit verstärkte sich ein Gedanke immer mehr:
“Vielleicht bin ich einfach nicht gut im Lernen.”
Rückblickend war das eigentliche Problem aber nicht meine Lernfähigkeit.
Mir fehlte etwas Grundlegendes:
Ich hatte nie gelernt, wie Lernen überhaupt funktioniert!
Und genau so geht es vielen Erwachsenen.
Sie erleben schwierige Schuljahre.
Sie kämpfen sich durch Studium oder Ausbildung.
Sie lernen für Prüfungen auf den letzten Drücker.
Sie vergessen Inhalte wieder.
Und irgendwann entsteht daraus eine scheinbare Wahrheit:
“Ich bin halt einfach schlecht im Lernen.”
Der eigentliche Denkfehler
Diesen Schluss ziehen wir beim Lernen erstaunlich schnell.
In anderen Bereichen würden wir es ganz anders angehen.
Stell Dir vor, jemand probiert zum ersten Mal Speer-Weitwurf. Der Wurf landet nach wenigen Metern im Boden.
Würden wir daraus schließen:
“Du hast einfach kein Talent für Speerwurf”?
Wahrscheinlich nicht.
Wir würden fragen:
- Wurde Dir gezeigt, wie es geht?
- Hast Du die Technik gelernt?
- Hast Du geübt?
- Hattest Du Dir von einem Trainer Feedback eingeholt?
Für Sport ist das selbstverständlich.
Für ein Musikinstrument auch.
Niemand erwartet, ohne Anleitung und Übung sofort Klavier spielen zu können.
Beim Lernen machen wir oft etwas völlig anderes.
Wir erleben Schwierigkeiten.
Und statt zu fragen:
“Wie könnte ich anders lernen?”
ziehen wir häufig eine ganz andere Schlussfolgerung:
“Schade. Lernen fällt mir offenbar einfach nicht so leicht.”
Oder:
“Andere können das wahrscheinlich besser als ich.”
Oder:
“Ich bin halt einfach kein guter Lerner.”
Genau hier liegt der Denkfehler.
Lernen ist keine feste Eigenschaft
Viele Menschen betrachten Lernen wie eine angeborene Eigenschaft.
Man hat sie.
Oder man hat sie nicht.
Doch Fähigkeiten funktionieren normalerweise nicht so.
Niemand wird als guter Tennisspieler geboren.
Niemand wird als guter Gitarrist geboren.
Niemand wird als guter Schachspieler geboren.
Fähigkeiten entstehen durch Übung, Erfahrung, Reflexion und passende Strategien.
Warum sollte ausgerechnet Lernen die einzige Ausnahme sein?
Genau deshalb ist der Gedanke “Ich bin schlecht im Lernen” oft problematisch.
Denn er behandelt Lernen wie eine feste Eigenschaft.
Dabei ist Lernen selbst eine Fähigkeit.
Eine Fähigkeit, die sich entwickeln lässt.
Eine Fähigkeit, die trainiert werden kann.
Und eine Fähigkeit, bei der die richtige Methode oft einen größeren Unterschied macht als das vermeintliche Talent.
Mythos und Realität
Mythos: Ich bin schlecht im Lernen.
Realität: Einzelne Lernerfahrungen beweisen das nicht.
Mythos: Ich habe kein Talent.
Realität: Lernen ist eine Fähigkeit, die sich entwickeln lässt.
Mythos: Ich bin zu alt zum Lernen.
Realität: Mit dem Alter werden manche Prozesse langsamer – gleichzeitig profitieren wir von mehr Erfahrung und Vorwissen.
Aber was ist mit dem Alter?
Viele Erwachsene begründen ihre Schwierigkeiten mit dem Alter.
“Früher fiel mir Lernen leichter.”
Das mag sich zunächst plausibel anhören.
Tatsächlich gibt es Aspekte des Denkens, die mit zunehmendem Alter etwas langsamer werden können.
Problematisch wird es, wenn wir unser Urteil über unsere Lernfähigkeit ausschließlich darauf stützen.
Denn dabei übersehen wir etwas Wichtiges.
Wir schauen fast ausschließlich auf die möglichen Nachteile.
Aber kaum auf die Vorteile.
Dafür ist es hilfreich zu verstehen, wie unser Gehirn neues Wissen aufnimmt.
Neues Wissen landet nämlich nicht einfach irgendwo im Kopf.
Es sucht nach Verbindungen zu bereits vorhandenem Wissen.
Es braucht Andockstellen.
Je mehr passende Andockstellen vorhanden sind, desto leichter können wir neue Informationen einordnen, verstehen und behalten.
Und genau hier entsteht ein Vorteil, der vielen Erwachsenen überhaupt nicht bewusst ist:
Mit jedem Lebensjahr sammeln wir Erfahrungen.
Wir bauen Wissen auf.
Wir erleben Situationen.
Dadurch können wir neue Informationen immer häufiger mit bereits vorhandenem Wissen verbinden.
Genau das unterstützt Lernen.
Natürlich kann sich manches langsamer anfühlen als mit 18.
Aber langsamer bedeutet nicht automatisch schlechter.
Deshalb lohnt es sich, den Blick weg vom Alter und hin auf einen anderen Aspekt zu richten.
Die wichtigere Frage
Wenn Lernen eine Fähigkeit ist, die sich entwickeln lässt und auch das Alter durchaus positive Effekte mit sich bringen kann, dann gibt es vermutlich andere Faktoren, die unseren Lernerfolg viel stärker beeinflussen.
Und genau deshalb lautet die entscheidende Frage vielleicht gar nicht:
“Bin ich schlecht im Lernen?”
Sondern:
“Habe ich jemals gelernt, wie Lernen funktioniert?”
Das ist ein großer Unterschied.
Die erste Frage führt häufig zu Selbstzweifeln.
Die zweite Frage eröffnet Möglichkeiten.
Plötzlich geht es nicht mehr um Talent.
Nicht mehr um Begabung.
Nicht mehr darum, ob man gut genug ist.
Sondern darum, welche Strategien man bisher genutzt hat.
Und welche man künftig nutzen könnte.
Genau dort beginnt Veränderung.
Fazit
Viele Erwachsene halten sich für schlechte Lerner.
Oft basiert diese Überzeugung auf einzelnen Erfahrungen, Frustmomenten oder ungünstigen Lernstrategien.
Doch diese Erfahrungen beweisen nicht, dass jemand schlecht im Lernen ist.
Sie beweisen lediglich, dass Lernen bisher nicht optimal funktioniert hat.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Vielleicht bist Du also gar nicht schlecht im Lernen.
Vielleicht hast Du bisher nur nie gelernt, wie Lernen wirklich funktioniert.
Und genau das lässt sich verändern.
Nicht über Nacht.
Aber Schritt für Schritt.
Häufige Fragen
Bin ich wirklich schlecht im Lernen?
Aus einzelnen Lernerfahrungen lässt sich das kaum zuverlässig ableiten. Häufig spielen Lernstrategien, Vorwissen und Rahmenbedingungen eine größere Rolle als viele Menschen glauben.
Bin ich zu alt zum Lernen?
Nein. Mit zunehmendem Alter entstehen zwar neue Herausforderungen. Gleichzeitig bringen Erfahrung und Vorwissen oft wichtige Vorteile mit sich.
Kann man Lernen verbessern?
Ja. Lernen ist eine Fähigkeit. Und Fähigkeiten lassen sich entwickeln, trainieren und verbessern.
🦩 Dein nächster Schritt
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